Der Berg ruft: Moin! Über’s Losgehen und Ankommen

Der Weg auf den Gipfel DSC01018-4.jpg Der Berg ruft! Fichtenschlucht Jurte in der Nacht

Im Herbst 2019 fuhr der Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern mit etwa 20 Sippenführer*innen und deren Sippen in die Ammergauer Alpen nach Bayern. Nach einer einwöchigen Sternfahrt trafen sich die Sippen in Unterammergau zu einem gemeinsamen Lager. Der Höhepunkt der letzten Tage im Süden Deutschlands war die Besteigung des Teufelstättkopfs (1758 m). Milán war an der über einjährigen Planung der Sternfahrt ihres Bundes beteiligt, die für sie gleichzeitig die letzte Herbstfahrt ihrer Sippe darstellt und somit auch den Abschied als Sippenleiterin. Ihre Erlebnisse von dieser für sie doppelt besonderen Fahrt berichtet sie.


Es ist Donnerstag und wir kommen an. Nicht, wie wir abends an einen Platz kommen und diesen als Nachtlager wählen. Auch nicht, wie die Ankunft nach einer Fahrt am heimischen Bahnhof. Es ist irgendetwas dazwischen.
Nach einer Woche Herbstfahrt treten wir in Unterammergau auf eine große Wiese. Schon von Weitem blitzen die blauen Takelblusen zwischen den Bergen hervor und Stimmen wuseln durch die Luft. Alle, die in den letzten sieben Tagen hier unterwegs waren, hatten ein Ziel: die Kuhweide im Süden der Stadt. Auf dem Kopf trage ich eine Kiste mit unseren letzten Einkäufen, die Kluft ist noch nass vom dauernden Regen. Die Wolken liegen in diesem Tal, wie in einem gemütlichen Bett und bequemen sich nur selten dazu, weiter zu ziehen.
Aber jetzt: Ankommen. Leute wiedersehen. Aufgeregt Geschichten austauschen. Weiterhuschen und dreckige Schienbeine vergleichen. Zwischendurch die Jurten und Kohten aufbauen. Dann mit mehr als neunzig Leuten in den Wald und Feuerholz knacken. Ohrwürmer verbreiten. Jodeln lernen.

Wir sind Küstenkinder und kennen den Geruch des Brackwassers und das Kreischen der Möwen. Die Berge hier sind aufregend und anders. Vielleicht nicht neu, doch unentdeckt. Deshalb verbindet die meisten Gespräche des Abends ein Thema: der Aufstieg des morgigen Tages. Ich sitze in der Runde und erinnere mich, wie die Idee vor ziemlich genau einem Jahr entstand; schaue zurück auf die Planungsphase und kann kaum fassen, wie schnell die Zeit doch wieder fliegt. Diskussionen über den Berg, den Platz, die vorangehende Fahrt und das Ausbildungslager liegen hinter uns und jetzt sitzen wir hier, die Sonne geht wieder fünf Minuten früher unter als gestern und die kühle Nacht hüllt die Landschaft um uns in tiefes Blau.

Der Morgen beginnt früher als meine letzten Tage. Auf den Bahnen liegt der Tau der letzten Stunden und langsam zieht sich der Nebel stückchenweise aus den Bergen. Die Ersten zerknautschten Gesichter räkeln sich aus den Schlafsäcken, es wird Kaffee gekocht und Aufstriche werden ausgekratzt. Nach dem Frühstück geht es los. Durch eine Schlucht wandern wir immer weiter hoch in die Berge. Der Regen der vergangenen Tage strömt in zig Wasserfällen, Bächen und Rinnsalen zwischen den Felsen hervor. Manchmal ist es so laut, dass man seine eigene Stimme nicht hören kann, an anderen Stellen fließt das Wasser ruhig, sodass man einige Schlucke zu fassen bekommt.

Wir haben wieder einmal ein riesiges Glück. Nach Tagen, in denen die Landschaft grau und vernebelt war, strahlt heute die Sonne als gleißender Ball am blauen Himmel. Trockene Füße — Hallelujah! Das Wetter lässt uns die Höhenmeter ein bisschen einfacher überwinden. Jetzt auf einem breiten Weg angekommen, wandern die Sippen dem Teufelstättkopf entgegen. Während wir gehen, hören wir von weiter vorne die anderen singen:
„… Ob er aber über Oberammergau, oder aber über Unterammergau, oder aber überhaupt nicht kommt…“ Wir summen mit und sparen uns unseren Atem für den Aufstieg.
Der Weg wird schmaler und steiler, irgendwann besteht er fast nur noch aus Geröll und Wurzeln. Der Boden ist schlammig von den vielen Fußspuren und ich muss mich immer öfter an Vorsprüngen festklammern. Jetzt sind wir auf dem Pass angekommen, ich weiß, dass es nicht mehr weit ist.

Langsam merke ich deutlicher, dass ich solche Höhen nicht unbedingt gewöhnt bin. Mein norddeutsches Flachland-Herz schlägt jedes Mal ein bisschen schneller, wenn ich aus Versehen zu lange mit dem Blick in der Tiefe verweile. Dann kralle ich mich noch ein wenig mehr am Fels fest und versuche, schnell weiter zu klettern. Der Gipfel kann nicht mehr weit sein. Kurz bevor wir ankommen, sehe ich mich doch noch einmal um. Sehe Leute, die schon ums Gipfelkreuz klettern und jodeln, sehe diejenigen, die noch hinter mir kommen. Manche Gesichter wirken erschöpft, andere wild entschlossen. Wieder andere strahlen im Wissen, es gleich geschafft zu haben.
„Es ist schon etwas Besonderes, was wir hier machen“, denke ich.
Kurz vor der Spitze setzen wir uns in eine kleine Senke. Jemand findet eine Gitarre und wir setzen uns in der Sippe in eine kleine Runde. Es ist schön, noch einmal gemeinsam zusammen zu kommen und zu realisieren, dass wir es jetzt alle geschafft haben. Wir singen „Tanzen die Dohlen“ und für mich hat sich das Lied nie passender angefühlt.
Und dann die letzten Meter: Bis nach ganz oben führt nur ein Drahtseil. Als ich den letzten Schritt auf den Gipfel mache, zittern meine Beine etwas und ich halte mich gut an den Händen meiner Freunde fest. Irgendwie schaffe ich es, meinen Blick schweifen zu lassen. Unter mir fliegt ein Vogel um den Berg, ich kann den Weg sehen, den wir kurz vorher gekommen sind. Auf der anderen Seite sehe ich die Alpen wachsen, kann Schneekuppen erkennen. Die Landschaft verblaut, je weiter sie in der Ferne liegt und der Horizont ist plötzlich so weit, dass ich mich doch ein bisschen wie am Meer fühle.
Wir knoten ein rotes Bändchen an einen Arm des Gipfelkreuzes. Es flattert im Wind zusammen mit den Bändern, die die anderen Sippen vor uns befestigt haben.
Als ich wieder nach unten klettere, greifen gleich mehrere Hände nach mir, geben mir Halt und stützen mich. Ich lache in Erleichterung.
Wir sind wieder angekommen.

 

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