Beat prepared! Das schall&rauch hat das Format Festival für bündische Gruppen erprobt – erfolgreich.

Es johlt und grölt im Zentrum Pfadfinden bei Immenhausen, aus zirka anderthalbtausend bündischen Kehlen tut es das, und zwar nach Leibeskräften. Da isses nun also, das schall&rauch, die Festivität von und für Jugendbewegte verschiedenster Couleur mit oder ohne Anhang. Die Konturen der engagiert tanzenden Grüppchen verläuft exakt entlang der Schattengrenzen, die die umliegenden Bäume werfen. Besonders widerstandsfähige Gestalten verausgaben sich in der prallen Hitze genau vor der Bühne, auf der Slightly Rude mit ihrem Programm keine Atempause lassen. Schweiß spritzt von Stirnen, irgendjemand sprüht mit sonem zwei-Liter-Drucksprüher, ursprünglich wohl für den Gummibaum im Büro, die zappelnde Menge nass. Die fürchten sich tatsächlich vor nichts, diese besonders widerstandsfähigen Gestalten, denke ich und schiebe die anerkennende Unterlippe vor. Die Sonne ballert schonungslos, vampiresk verstecke ich mich vor ihr in der Zirkusjurte. Unfassbar: Davor verheddern sich ölige Körper mit hochroten Köpfen in einem Vertikaltuch und probieren vermutlich, sexy zu sein. Jemand pfundiges hat daneben ein kleines Kinderplanschbecken aufgeblasen und mit Wasser befüllt, da stehen ein paar Leute dicht an dicht drin und gönnen schweigend ihren Füßen eine Abkühlung. Ein bisschen dümmlich sieht das schon aus, keine Frage, aber ich mache sofort mit. Meine tanzgebeutelten Gliedmaßen danken es mir. Immerhin müssen sie sich auf noch ne Menge Beutelei verschiedenster Sorte einstellen: Berlin Boom Orchestra: Abzappeln. Element of Crime (Wirklich. Oah. Sie sind ehrlich wirklich hier. Herrschaftszeiten.): Anhimmeln und schunkeln. Polkageist: Hüpfen und rempeln, Schlagsaite, Dunkelbunt, Lüül, nur, um einige zu nennen! Sachte mache ich meinen Gliedmaßen klar, dass ich von ihnen auch angemessenes Abstampfen beim nächtlichen Technoset erwarte. Und wer weiß, ob nicht noch der ein oder andere Film im Fahrradkino erstrampelt wird! Ja genau, liebe Leserin, lieber Leser: Unter „den ein oder anderen Film im Fahrradkino erstrampeln“  versteht sich genau das, was du dir höchstwahrscheinlich gerade vorstellst.

Foto von Yannik Suck

Es grenzt tatsächlich an einen dieser AHA-Momente, was wir hier erleben. Ein Festival mit Bands, DJs, Workshops – und das alles im pfadfinderischen Stil! Wie die Faust aufs Auge ey, megagute Idee, warum hatte ich die nur nie? Auf den Bühnen geben die Musiker*innen alles, was das bündische Herz begehrt. In den liebevoll gestalteten Pintenjurten werden reichlich Getränke mit und ohne Alkohol gereicht, die das karge Portemonnaie ebenso verkraftet wie die kreativen Highlights der Fressmeile. Nachts wummert Techno durch den “Zauberwald“; es wäre ein für Großstädter*innen ganz gewöhnlicher Outdoorrave, wenn nicht hie und da Halstücher um die wippenden Körper schlingern würden. Wen der 4-to-the-floor nicht vom Hocker reißt, zieht das übliche Liedgut am Feuer an. Und am nächsten Morgen (hier wende ich einen erweiterten Morgenbegriff an) stehen die Leute in lose geschnürten Wanderschuhen mit Zahnbürste und Ajona gemeinsam über ein Waschbecken gebeugt und kümmern sich nicht um die Tschaiflecken auf ihren Takelblusen. Schon um zehn Uhr beginnen im Lagerplatzbereich „Utopia“ inspirierende Workshops, in denen musiziert, gewerkelt, geturnt und sich gebildet wird. In der Jurte des Verlags der Jugendbewegung kauen Schreiberlinge verkatert-gedankenverloren auf Bleistiften herum und dichten Limericks bei der „Literarischen Morgengymnastik“, später am Tag rappen dortselbst Rampensäue unter euphorischem Beifall „Der Rabe“ in doublespeed bei „Bündisch Karaoke“ auf der Europalettenbühne. Auf DKMS-Wattestäbchen kauen wiederum reihenweise Freiwillige herum, die das Angebot zur Information und Registrierung in Sachen Stammzellenspende wahrnehmen. Passiv in der Ecke lümmeln und sich köstlich amüsieren geht auch locker klar: Für Unterhaltung sorgen Showeinlagen vom Komikerduo „Sparlight Express“ oder die zwei Clownierie-Akrobatik-Virtuos*innen von „Hallimash“. Um rätselhafte sieben Uhr schon zum ausgewiesenen Programmpunkt „Morgenspaziergang“ aufer Matte stehen geht auch, aber dazu kann ich nun wirklich nix sagen, vergiss es.

Foto von Stephan Lucka
Foto von Stephan Lucka

Es klingt kitschig, aber: Da wird sich umeinander gekümmert, der Lagerplatz ist sauber, Drogenexzesse kriege ich keine mit – mir, die ich der Nachteile von beliebigen Riesenfestivals überdrüssig bin, imponiert das sehr. Allgemeines „Ach nä quatsch wie geil, du hier?“ ist auf dem Platz genauso zu vermerken wie das Schmieden neuer Bekanntschaften. Kitschig, aber ehrlich wahr. Trotzdem verschließt man hier nicht die Augen vor Gefahren: Ein Awarenessteam bietet proaktiv allgegenwärtig diskrete und direkte Hilfe bei Unwohlsein oder Übergriffen an. An alles gedacht. Chapeau. Man kann nur erahnen, welch einen Aufriss dieses gut viertägige Nümmerchen für den einen oder die andere bedeutet hat. Aber er trägt Früchte, der Aufriss. Allemal.

Foto von Kilian Lebküchler

Info:

Das bündische Festival für Musik, Kunst und Kultur „schall&rauch“ fand vom 27.06. – 01.07. in Immenhausen (Hessen) statt. Im Schulterschluss haben Akteur*innen von DPV und BdP diese Veranstaltung als erste ihrer Art organisiert und ausgerichtet; ehrenamtlich und ohne kommerzielle Interessen. Teilgenommen haben junge Menschen zwischen ca. 14 und 35 Jahren aus Pfadfinder*innen- und Jugendgruppen sowie befreundete Gruppen und Einzelpersonen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.